Spurensuche am Atlantikwall

Belgien und Frankreich entlang der Nordseeküste – das war unser Plan für den Sommerurlaub. Unser neues Wohnmobil kam allerdings erst kurz vor Reisebeginn. Also verbrachten wir die erste Urlaubswoche damit, es einzuräumen und ein paar Dinge nach unseren Vorstellungen zu verändern. Urlaub fühlte sich das noch nicht ganz an.

Zu Beginn der zweiten Woche konnten wir endlich losfahren. Eigentlich wollten wir zuerst nach Knokke-Heist und dort ein paar entspannte Tage am Meer verbringen. Unterwegs stellte sich jedoch heraus, dass die Toilettenkassette defekt war. Statt Strandpause hieß unser erstes Ziel nun Middelkerke: Dort sollte es einen Thetford-Händler geben.

Einen Platz auf einem Campingplatz fanden wir schnell – und ebenso schnell bekamen wir einen ersten Eindruck von der belgischen Küste. Mit den vielen großen Bauten entlang der Promenade hatten wir nicht gerechnet. Zwischen ihnen entdeckten wir aber auch etwas, das unseren Blick auf sich zog: die Comicfiguren, die dort zu sehen sind.

Museum Raversyde

Nach der ersten Nacht verließen wir den Campingplatz wieder. Middelkerke hatte uns nicht gefallen, und zuerst mussten wir ohnehin die defekte Toilettenkassette ersetzen. Beim Händler wurden wir fündig. Danach suchten wir einen naturnahen Platz für die nächsten Tage – leichter gesagt als getan, denn viele Campingplätze waren bereits ausgebucht.

Schließlich bekamen wir für drei Nächte einen Platz im Park Pollentier.

Zwischen den dicht stehenden Caravans und Wohnmobilen gab es kaum Grün. Unser Bereich für Wohnmobile war jedoch neu angelegt und in einzelne Stellplätze aufgeteilt.

Direkt nebenan liegt das Museum Atlantikwall Raversyde in den Dünen. Die Bunker und Tunnel wollten wir uns ansehen und besuchten die Anlage am folgenden Tag.

Zwischen den originalen Bauten aus den beiden Weltkriegen konnten wir uns viel Zeit nehmen. Einige Räume sind mit Szenen und kleinen Details gestaltet, die eine Vorstellung davon geben, wie die Anlage genutzt wurde. Auch den Comics begegneten wir hier wieder – nach den Figuren an der Promenade ein unerwartetes Wiedersehen.

Für uns hat sich der Besuch in Raversyde gelohnt.

De Haan

Am folgenden Tag gingen wir über die Dünen zur Küstentram. Die Haltestelle lag nur etwa 250 Meter von unserem Campingplatz entfernt. Wir stiegen ein und fuhren nach De Haan – ein Ort, von dem wir schon gehört hatten, dass er besonders schön sein soll.

Wir wurden nicht enttäuscht. Kleine Häuser und Hotels aus der Belle Époque prägen die Straßen. Dazu kamen Blumenbeete und Blumenampeln, die dem Ort eine freundliche Atmosphäre gaben. Selbst an der Promenade wirkte alles weniger dicht bebaut als an den Orten, die wir zuvor gesehen hatten. De Haan gefiel uns auf Anhieb.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Frankreich, um La Coupole bei Helfaut zu besichtigen. Unter der gewaltigen Betonkuppel sollte im Zweiten Weltkrieg eine Basis für V2-Raketen entstehen, die gegen London gerichtet waren. Schon der Weg durch die unterirdischen Gänge machte uns die Größe der Anlage deutlich.

Während des Rundgangs erfuhren wir, unter welchen Bedingungen Zwangsarbeiter am Bau beteiligt waren. Je länger wir dort unterwegs waren, desto schwerer fiel es mir, die Gänge nur als Bauwerk zu betrachten. Ich hielt immer wieder inne und versuchte zu begreifen, auf welchen Spuren wir uns bewegten.

Unter der Kuppel sahen wir Exponate und Filme über die Besatzungszeit sowie die Entwicklung der V1 und V2. Der Audioguide erklärte uns die Stationen auf Deutsch. Es war ein eindrucksvoller Besuch,  aber auch ein bedrückender.

Nach dem Besuch folgten wir außerhalb des Geländes einem kleinen Pfad, um die Kuppel noch einmal von außen zu sehen. Gigantisch. Monströs. Mörderisch. Aus der Entfernung wurde mir ihre Größe erst richtig bewusst – und noch einmal, welchem Zweck sie dienen sollte.

Ein tröstlicher Gedanke blieb: Die Anlage wurde nie als Abschussbasis in Betrieb genommen.

Nicht weit von Helfaut entfernt besuchten wir bei Éperlecques eine zweite Anlage: das Blockhaus. Auch hier sollte während des Zweiten Weltkriegs eine Basis für V2-Raketen entstehen. Der Bau wurde bombardiert und die Anlage nahm ihren geplanten Betrieb nie auf.

Bei unserem Rundgang konnten wir einen Teil des Bunkers betreten. Ausstellungsstücke und Informationen auf Deutsch halfen uns, seine Geschichte besser zu verstehen. Besonders bedrückend war für mich, erneut von den Menschen zu erfahren, die unter Zwang an einer solchen Anlage arbeiten mussten.

Der Besuch ergänzte unsere Eindrücke aus La Coupole, war aber ebenso schwer zu verarbeiten. Manche Darstellungen empfanden wir als grausam; mit Kindern würde ich vor einem Besuch überlegen, ob die Ausstellung für sie geeignet ist.

Nach La Coupole und dem Blockhaus brauchten wir etwas Abstand, um unsere Gedanken und Eindrücke zu sortieren. Wir fuhren nach Bray-Dunes an die Küste und verbrachten dort ein paar Tage am Meer.

Auch am Strand begegneten uns noch Spuren des Krieges: Wracks und kleinere Bunker. Daneben blieb aber endlich Zeit zum Entspannen und für lange Spaziergänge am Meer. Das tat uns nach den bedrückenden Besuchen gut.

Mit dem Camping du Perroquet fanden wir einen angenehmen Platz für unseren Aufenthalt. Die Stellplätze waren voneinander abgegrenzt, und zwischen ihnen gab es viel Grün.